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Auswanderung nicht zum Spass - Nigeria, erste Eindrücke in der Retroperspektivein der Retrospektive
von Marcus Schmidt
Als ich als kleiner Junge vom bevorstehenden Nigeria-Aufenthalt unserer Familie hörte, kannte ich von Afrika nicht viel mehr als die Schilderungen aus dem Globi Buch.
Seit 1969 war mein Vater als Agronom bei der Ciba-Geigy tätig und bereiste ganz Afrika. 1973 wurde ihm eine Stelle in Lagos, Nigeria angeboten und wir versuchten unser Glück. Mein Vater nahm dort seine Tätigkeit schon im Herbst 1973 auf, der Rest der Familie reiste im April 1974 nach. Ich freute mich natürlich auf dieses Abenteuer. Die Freude wurde durch die medikamentösen Vorbereitungen getrübt. Wir mussten mehrere teils schmerzhafte Impfungen gegen Gelbfieber und Cholera über uns ergehen lassen. und Zzudem mussten wir schon einige Monate vorher Malaria Tabletten einnehmen. Eine Vorstellung über von diesen Gefahren hatte ich aber damals noch nicht.
Ankunft
Nach sechseinhalb Stunden Flug landeten wir auf dem Flughafen in Lagos. Beim Austritt aus dem Flugzeug traff uns ein Schwall schwüler Luft und schon nach wenigen Minuten im Flughafengebäude in der stehenden Luft schwitzten wir wie in der Sauna. Dabei war es schon Abends! Ein PR-Mann der Firma schleuste uns durch die Bürokratie. Er kannte offenbar die Leute hinter den Schaltern, hielt ein Schwätzchen mit Ihnen und kam mit unseren mehrfach gestempelten Pässen wieder zurück. Vermutlich nicht ohne entsprechende Hinterlassenschaft, die in Arabien „bakschisch" genannt wird, in Nigeria dafür „dash".
Nach anderthalb Stunden war der Flughafen überstanden und ein Fahrer fuhr uns nachts zu unserem Haus. Als wir dort ankamen staunten wir nicht schlecht, denn das Haus war schon fast eine „Villa". Das Grundstück war von einer 2 Meter hohen Mauer mit Glasscherben oben drauf umgeben. Bei der Ankunft war das Eisentor mit einer Kette verschlossen. Wir wurden durch den von den Nachtwächtern und den vom Koch begrüsst und waren froh, in moderat klimatisierten Räumen einzuschlafen. Das Haus selbst war im Parterre völlig vergittert und Nachts wurde auch das Gitter am Eingang mit einem Schloss gesichert. Wir dachten uns anfangs nicht viel dabei, aber nach einigen Einbrüchen bei Bekannten begriffen wir diese Vorsorge. Da wir nie viel Bargeld oder sonstige Luxusartikel im Haus hatten, war unser Haus auch für Einbrecher nicht attraktiv. Nach einem Jahr erweiterte sich dann unsere Familie um einen Schäferhund, der zusätzlich noch abschreckend wirkte.
Vor allem ums Haus gleich vor der Haustür waren fremdartige Pflanzen und Tiere zu bestaunen: die bläulichen Eidechsen mit roten Köpfen und die Geckos an den Mauern waren bei der Tierwelt für haben uns am meisten beeindrucktücklichsten. Bei den Pflanzen waren es die bunten Blütenträger wie Bouganvillea, Frangipani und grossblütige Hibiskus, sowie und die verschiedenen Palmen. Wir hatten auch einen Gärtner, der für den Garten zuständig war und fleissig jeden morgen Blätter wegwischte. Ihm gefielen vor allem die Betel-Bäume, deren bittere Früchte wir 4 Jungs aber verschmähten.
Im Haus walteten der Koch und meine Mutter. Das Trinkwasser wurde abgekocht. Meine Mutter machte mit uns Einkaufstouren an Marktständen am Strassenrand um frisches Gemüse zu bekommen. Da es noch Regenzeit war, bekamen wir gab es vor allem Kohl und Rüebli. In den Einkaufsläden fehlte immer wieder etwas. Einmal gab eswar keinen Käse da, dann keine Butter, wiederum darauf kein Brot oder kein Mehl. Fehlte Brot, so hatten wir zum Glück Trockenhefe aus der Schweiz und konnten selbst etwas Brot backen. Auf dem Schwarzmarkt konnten waren die meisten Waren für den doppelten Preis erhalten werdenzu haben. Die Bekanntschaften meiner Mutter gaben Neuigkeiten diesbezüglich immer sofort weiter: „Jetzt hat es im Supermarkt wieder frische Wurst". Und dann rannte meine Mutter los... Vor den grossen Einkaufsläden wimmelte es von Bettlern, meist mit Kindern und meist verstümmelt. Anfangs war das ein Schock und wir wollten den Kindern immer etwas geben. Ich habe auch heutzutags noch Mühe damit, dass professionelle Bettlerorganisationen Kinder in den sogenannten Drittweltländern so missbrauchen.
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Geschichte und Sprache
Nigeria war mal eine Deutsche Kolonie, die letzten 50 Jahre aber Britisch. Vieles wurde ist von den Briten übernommen worden: das Verwaltungs-, das Bildungssystem und vielesanderes mehr, als Wichtigstes die eEnglische Sprache. Doch auch wer wie ich englischsprachig aufwuchsgewachsen ist, konnte kann mit dem Kauderwelsch auf den Strassen nicht viel anfangen. Hände und Füsse hatten anfangs Vorrang. Nigeria hat Hunderte von verschiedenen Volksstämmen mit unterschiedlichen Traditionen, Religionen und verschiedenern Sprachen. Grob gesagt dominiert im Südosten (Lagos) der Volksstamm der animistisch/christlichen Yoruba, im Südwesten die animistisch/christlichen Ibo und im Norden die moslemischen Haussa und Fulani. Das Strassenenglisch, von den Europäern „Pidgin English" genannt, ist ein Gemisch von verschiedenen Stammesausdrücken und Englischen Wörtern. Uns erschien die Wortfolge völlig abstrus. „commot for dis place" heisst soviel wie „hau ab von hier". Ein Lieblingsslogan aller Nigerianischen Kinder war: „Eubo bebe when you eat pepe you go yellow mormor". Dabei ist „Eubo" das abfällige Wort für „weisser Europäer". Dies heisst so viel wie: Weisse Memme, wenn du unsere Pfefferspeisen ist, dann wirst du gelb und dir wird’s übel....
Schule und Verkehr in der Regenzeit
Da Nigeria nach der Ölkrise 1973 ein gefragter Erdöllieferant war, flossen die US $ nur so ins Land. Während beim Öl vor allem hauptsächlich bBritische und aAmerikanische Firmen absahnten, verdienten sich vor allem dDeutsche Firmen vor allem mit Infrastruktur-Bauten ihr Geld. Es gab daher eine dDeutsche Privatschule in Lagos und in die mussten wir mit etwas Widerwillen gehen. Da wir vier Jungs alle mit langen Haaren, den weiten Jeans und mit „Zockeli" noch im Beatles Look vor dem pensionsreifen Direktor antanzten, begrüsste er uns mit „guten Morgen ihr hübschen Mädels". Der war für uns sowieso schon „gestorben". Vor der Stunde mussten wir bei jedem Lehrer aufstehen und einen Knicks machen und im Chor „guten Morgen Herr Lehrer" leiern. Irgendwie habe ich das ja unbeschadet überstanden.
Die Deutsche Schule lag im gleichen Stadtteil wie unser Haus. In den ersten 3 Wochen wurden wir in die Schule chauffiert und blieben häufig auf dem Weg nach Hause für eine halbe bis eine Stunde im Verkehr stecken. Diese VerkehrssStaus wurden „go slow" genannt und waren im Stadtverkehr an der Tagesordnung. So erhielten wir bald mal die Erlaubnis, mit dem Fahrrad in Schule zu fahren. Wir hatten in unserer ganzen Schulzeit nie einen Unfall, deann Nigerianer sind geschickte Fahrer und fahren nur immer mit einer tauglichen Hupe unterwegs, je lauter desto besser!
Die Deutsche Schule lag auf einem drainierten, aufgefüllten ehemaligen Sumpfgebiet. Drainiert wurden die ganzen Stadtteile durch offene Graben neben den Strassen. Diese Abwassergraben, „gutters", führten schlussendlich ins Brackwassersystem der Lagune, rund um die Stadtteile. In der Regenzeit waren diese Abwassergräben Rinnen und damit auch die Strassen oft überflutet. Weil Damit waren dann die zum Tteil tiefen Löcher nicht mehr sichtbar waren, und blieben plötzlich blieben Autos hier und da stecken und die Motoren soffen ab. In der Schule, die auf tiefem Gelände laga, konnten wir vom Klassenzimmer aus beobachten, wie das Wasser vom „gutter" bis zum Schulzimmer vorrückte und dann war schon ab 10 oder 11 Uhr morgens war für den ganzen Tag schulfrei, juhee!
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Krankheiten
Wir waren gegen alles geimpft, wie sollten wir da krank werden? Nun, trotz abgekochtem Wasser und in Kaliumpermanganat (färbt das Wasser schön violett!) gewaschenem Gemüse und Früchten, bekam jeder von uns so alle 2 bis 3 Wochen Durchfall. Wir hatten ein „hartes Mittel" der Ciba (Mexaform) und nach 1-2 Tagen war es meist wieder gut. Die ganzen Klimawechsel mit 'tropisch schwül' und 'klimatisiert' verursachten da und dort auch mal eine Erkältung, und das im heissen Afrika!
Knappheiten in der Grundversorgung
Schon in den ersten Wochen fiel der Strom mehrere Male aus. Einmal hatten wir hatten wir mehr als über 2 Tage keinen Strom und wir mussten die Tiefkühlprodukte alle sofort verwerten bzw. oder entsorgen. Das geschah nach 2 Monaten nochmals und dann bekamen wir ein Diesel-Aggregat. Es zeigte sich in der Folge, dass bei längeren Strompannen oft auch Diesel knapp wurde. Aber es gab ja noch den Schwarzmarkt......
Auch Ddas Wasser aus der Leitung versiegte nach ca. 2 Monaten zum ersten Mal. Der Leitungsdruck in der ganzen Stadt ist dabei so schwach, dass das Wasser zuerst in einen Grundtank läuft und dann von einer Pumpe in den Dachtank gepumpt wird (deshalb wurde bei uns schon nach wenigen Stromausfällen eine Handpumpe installiert). Nach etwa 2 trockenen Tagen ohne Wasser kam dann der Tankwagen endlich. Doch bis das kostbare Nass wieder aus der Leitung floss, war bei uns Sparprogramm. Das Wasser wurde zuerst zum Zähneputzen verwendet, nachher zum nötigsten Waschen und zum Schluss für die Toilette. Ich habe heute noch ein schlechtes Gewissen, wenn ich länger als zum Seife-Abspülen unter der Dusche stehe!
Erste Stranderlebnisse
Samstags oder Sonntags füuhren wir in der ersten Zeit mit dem Auto an den Strand und mussten dazu 2 Stadteile durchquerenkreuzen. Dauerte der Hinweg nur 40 Minuten, so war der Rückweg am Abend oft eine Qual von 2 Stunden Schwitzen im „go slow". Der Strand war meist sehr schön, aber heiss. Nach ersten Sonnenbränden, lernten zogen wir auch in der Mittagshitze trotz Sonnencreme das T-shirt anzulassen.
An der Atlantikküste sind die Wellen hoch, bis zu 3 Metern bei Flut und bei abziehender Flut besteht and auch noch ein Untersog. Wir lernten schnell uns durch die Wellen zu schlagen. Nach einigen Malen, bei denen wir von den Wellen Brechern in den Sand geschlagenworfen wurden, hatten wir den Dreh raus. Der Untersog war kritischer zu beurteilen. Mein ältester Bruder wurde einmal vom Sog davon erfasst, und musste von einem Life-Saver mit der Leine vor dem Ertrinken gerettet werden. Das verschaffte uns den nötigen Respekt.
Der ganze Strand wimmelte von Händlern: Drinks, Kokosnüsse, Souvenirs etc. -, es lief immer etwas und wir genossen ihn das sehr. Leider machten ab und zu auch Schiffe in Küstennähe einen Ölwechsel. Dann war der ganze Strand Sand mit weichen Teerartigen „Bölleli" übersäht und trotz aller Vorsicht mussten wir abends die Füsse mit Benzin waschen....
Noch eine Auswanderung
Mein ältester 15 jähriger Bruder mit 15 Jahren litt von uns allen am stärksten unter der Hitze und dem Durchfall. und er hatte auch mit der Deutschen Schule recht ziemlich Probleme. Er durfte ueber die Sommerferien durfte er in die USA zur Grossmutter in die USA und blieb dann gleich da. Heute lebt er als Flugzeugmechaniker in Anchorage, Alaska.
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