Reisebericht Lagos


Nigeria - weitere Eindrücke über das Reisen, das Essen und die Schiffahrt

von Marcus Schmidt

Was macht eine Familie in einer 3 Mio. Stadt wie Lagos in Nigeria?

Mein Vater war als Agronom für die damalige Ciba-Geigy im ganzen Land unterwegs. Dabei war er oft mehrere Wochen auf Reisen. Anfangs hat er diese beschwerlichen Reisen mit dem Land Rover unternommen. Aber gerade in der Regenzeit versanken viele Strassen im Schlamm und wurden damit auch für einen Land Rover unpassierbar. Obwohl Nigeria ein erdölförderndes Land ist, kam es immer wieder zu Benzin- und Dieselknappheiten. Diese wurden dann noch durch Hamsterkäufe verschärft. Daher musste auch der Land Rover jeweils mit vielen Benzinkanistern gefüllt werden! Und trotzdem kam es vor, dass mein Vater 1 - 2 Tage ohne Treibstoff im Busch stecken blieb.

Der etwas andere Eintopf

So lernte er zwangsweise schnell die einheimische Nahrung kennen: gestampfter Maniok mit einem Chili Eintopf wird in der einheimischen Sprache Fufu genannt und sieht aus wie Kartoffelstock, schmeckt aber alleine etwas fader. Maniok ist eine Knollenwurzel wie die Kartoffel, die Pflanzen werden jedoch strauchartig bis 1.50 m hoch. Die Knolle kann bis zu 5 kg schwer werden und enthält ungeniessbare Blausäure. Ein guter Teil davon wird durch das Schälen der Knolle entfernt. Der Rest beim Stampfen und Auswaschen mit Wasser. Der Chili-Eintopf köchelt Tag für Tag vor sich hin. Immer wird wieder Fleisch, Gemüse und Gewürze sowie Wasser zugefügt. Das Ganze ist für Europäer eine explosive Mischung, die nicht nur im Mund nach der Feuerwehr ruft sondern auch beim späteren Entsorgungsgeschäft. Als Fleisch wird alles verwendet, was die Leute an Tieren erjagen oder verfügbar haben: vor allem Huhn und Ziege, aber auch Ratten, Schlangen, Katzen, Affen usw.. Zum Trinken sind im ganzen Land die 'Soft Drinks' wie Coca, Sprite, Fanta und Bier beliebt. Das Bier wird in Nigeria mit Mais gebraut. Ich selbst fing erst mit 14 Jahren an Bier zu probieren, hatte aber auch mit 16 noch keinen richtigen Geschmack daran. Sehr beliebt bei den Einheimischen ist Palmwein, in ihrer Sprache Ogogoro. Dazu wird der nach einem Schnitt in die Palme ausgelaufene Saft mehrere Tage in einer Kalebasse vergoren. Je nach Vergärungsgrad ist das Getränk erfrischend (yng) oder schon sehr kräftig und etwas bitter. Die paar Male die ich probiert habe, war es vermutlich schon stark vergoren, denn schon vom Geruch hat mich das milchige Gesöff nicht angemacht.

Mit Nigeria Airways

Zurück zu den Reisen: schon nach 2 Jahren lernte mein Vater eine einmotorige Cessna zu fliegen und viele seiner Reisen wurden kürzer. Alle grösseren Farmen waren ja mit einem Air Strip ausgerüstet. Grössere Reisen in den Norden konnten mit der nationalen Airline Nigeria Airways geflogen werden. Das grosse Problem hier waren die Überbuchungen. Wer am Schalter am meisten 'Dash' gab bekam einen Sitzplatz, oft waren die Maschinen bis zu 3 Mal überbucht. Das Einchecken wurde dann zum Wettlauf. Wer mit seiner Boarding Card zuerst den Sitz erreichte, der gab ihn nicht wieder frei auch wenn 2 andere den gleichen Platz beanspruchten!

Oder mit dem Land-Rover

Ich kann mich auch an Geschäfts-Ausflüge im Land Rover mit meinem Vater zu Farmen bzw. Projekten erinnern. Die erste Reise war eine holprige Fahrt, die ewig zu dauern schien. Eindrücklich waren die vielen einspurigen Brücken, bei denen auf jeder Seite Autowracks lagen. Ich weiss nur dass am Ende der Fahrt unser Sitzleder ziemlich strapaziert war. Die Grossfarmen wurden immer im gleichen Stil aufgebaut. Eine europäische Firma mit lokalen Betreuern holte das nötige Know How und die Technik ins Land. Die Farm wurde über mehrere Jahre aufgebaut und so nach 7 - 10 Jahren, wenn die Rentabilität ein paar Jahre gestimmt hatte, nigerianischen Managern übergeben. Ich glaube nicht, dass mir mein Vater eine solche Farm nennen kann, die nicht wieder nach 5 Jahren im Busch versank. Die nigerianischen Manager holten natürlich nach und nach die eigene Sippschaft bzw. Bekanntschaft in Schlüsselstellen der Farm, meist ungeachtet ihrer Eignung, wodurch dann der Untergang des Projektes besiegelt war. Noch heute ist Nigeria, ein Land das sich gut selbst versorgen könnte, zu 90% von Lebensmittelimporten abhängig

Wie man sich die Zeit vertreiben konnte

Und nun zum Rest der Familie: Wir drei Jungs gingen von 7.15 Uhr bis 1 Uhr in die deutsche Schule, dann Mittagessen und Hausaufgaben und Freizeit. Meine Mutter hatte anfangs etwas Orientierungsschwierigkeiten: wir hatten ja einen Koch und Hausboy, der das ganze Haus putzte, dazu einen Gärtner, der im Garten alles erledigte. Kulturelles (Theater, Konzerte etc.) lief praktisch nichts. Hingegen waren die Europäer in Clubs organisiert. In unserem Stadtteil Apapa gab es den Apapa Club mit einem Schwimmbad, Tennisanlagen und einem Clubhaus. Unserem Haus gegenüber lag der Apapa Boat Club. Um Mitglied zu werden, musste man ein Boot besitzen. Bei beiden Clubs gab es eine Warteliste von einem halben bis einem ganzen Jahr, so dass wir anfangs nur als 'Guest' mit Mitgliedern hinein durften. Viel des sozialen Lebens spielte sich in diesen Clubs ab. Es gab praktisch jede Woche einen Filmabend, einen Abend oder Nachmittag zum Bridge- oder Bingospiel usw. Die Clubs waren auf jeden Fall sehr von den Engländern, der letzten Kolonialmacht geprägt. Die Engländer im Boat Club organisierten jeden Samstag Nachmittag ein Segelrennen und unsere ganze Familie ausser meinem Vater wurde nach und nach aktiv. Bis Ende unseres Aufenthalts hatten wir 1 Motorboot, 2 Segelboote und 1 Windsurfer. Wir Jungs waren dann oft auch mal an einem Nachmittag unter der Woche im Segelboot oder mit dem Windsurfer im Lagunensystem unterwegs. Das Lagunensystem ist ein weitverzweigtes Brackwassersystem, das hunderte von Kilometern entlang der Küste verläuft und ab und zu ins Meer mündet. Die Inseln sind von Mangroven gesäumt und der sandige Boden hauptsächlich mit Kokosnusspalmen bewachsen. Ebbe und Flut beeinflussen die Lagune sehr. Je nach Saison sind die Pegelunterschiede 1 - 1,5 Meter. Bei Ebbe wird die Strömung Richtung Meer stark, bei Flut dreht sie um. Da die Lagune viele Windungen hat, ist sie mit Sandbänken übersäht. Ob mit Motor- oder Segelboot, besonders bei Ebbe müssen die tückischsten Sandbänke berücksichtigt werden, sonst läuft man auf Grund.

Moderne Piraten

Apapa hatte auch einen Hafen. Durch den Ölboom erfuhr das ganze Land aber einen Wirtschaftsaufschwung der sich erst anfangs der 80er Jahre abschwächte. Die Nachfrage nach Gütern stieg oft mehr als linear. Dazu waren die alten Häfen nicht ausgerüstet. Von 1995 - 97 hatten wir die groteske Situation, dass hunderte von Schiffen vor Lagos auf dem Meer auf die Löschung ihrer Ladung warteten - manchmal über ein halbes Jahr lang. Klar, dass die Besatzung auf's Minimum reduziert wurde! Es fanden sich auch bald geschäftstüchtige Banden, die nachts mit Schnellbooten und Maschinengewehren die Schiffe und ihre Besatzung beraubten. Währenddessen wurde auf unserer Seite von Apapa ein neuer Hafen aus dem Boden gestampft. Mit 'Dregling Platformen' wurde die Lagune ausgehoben, der Sand über die Mangroveninseln verteilt und bald hatten wir Aussicht auf eine Industrieinsel.